Exhibition Public Space

A Glimpse into the Ass of Infinity

When _15.11.2008 - 12.01.2009
Where _Kabine Restaurant Nordbrücke
Link _www.nordbruecke.ch

EW-WC; Die Lösung von Anna Kanais Rätsel
Das E(wig) W(eibliche) zieht uns hinan, heisst es bei Goethe. Bei Anna Kanai werden wir nicht hinauf, sondern hineingezogen, nicht in den Himmel, sondern in einen vielsagenden, von Lämpchen erleuchteten Tunnel. Dieser befindet sich in einem Ding, das unweigerlich an eine Vulva denken lässt, und dann doch wieder eher an einen aufgehängten Beinschinken. Doch wie diese etwas peinliche Unsicherheit klären, wenn sich dabei ständig jemand an einem vorbeizwängt, und zwar eindeutig auf dem Weg zum WC? Man könnte meinen, es habe im Restaurant Nordbrücke eben keinen anderen Ort für Kanais Installation gegeben als die ehemalige Telefonkabine der alten Quartierbeiz. Doch würde man damit Kanais Provokations-
und Experimentierfreude unterschätzen.
Vielmehr hat Kanai die Installation gerade für diesen Ort in der Nordbrücke entworfen. Sie hat sich spätestens seit dem temporären Ausstellungsraum Videotank unter der Dreikönigsbrücke darauf spezialisiert, der Kunst neue Betrachterinnen zu erschliessen. Dort die Passanten der Brücken-Unterführung, hier die Gäste der Nordbruecke, aber eben genauer noch: diese Gäste auf dem Weg zum WC. Die mutmassliche Intimität der Installation
verknüpft sich unweigerlich mit der Intimität der Bedürfnisse, deren Befriedigung die Toilette dient. Zumal die möglichst im alten Zustand belassene Bausubstanz den Austretenden
kein Wort von dem verpassen lässt, was sich in dem kleinen Vorräumchen an Kunstgespräch
abspielt. Man möchte am liebsten mittun, aber dann lässt man es doch lieber bleiben. Es gilt ja noch möglichst unbefangen aus der Toilette wieder herauszukommen. Gerne mischt man sich zuerst ein bisschen unter die Gäste, bis sich die durch die Installation
vervielfachte Intimität des stillen Örtchens verflüchtigt hat. Kanais Installation ist abgründig in Form und Wirkungsweise. Und zugleich nimmt sie durch das warme Lämpchenlicht
die kommende Weihnachtszeit vorweg. Wie aber kommt eine solche Installation
in eine Quartierbeiz wie die Nordbrücke, die trotz neuen Wirten weitgehend im alten Zustand belassen wurde? Sie wurde es auf sutbile Weise: Mit möglichst kleinen Eingriffen wurde aus dem Spunten aller Zürcher Spunten ein aussergewöhnliches Hybrid aus Beiz und Bar, aus Vergangenheit und Gegenwart. Die Telefonkabine ist nicht mehr in Betrieb und dient nun als Mini-Raum für Ausstellungen. Kanais Arbeit wird bis Weihnachten zu sehen sein. Und dann soll eine nächste Arbeit folgen, die ebenfalls wieder kuratiert wird durch die Gründer der auf elektronische Kunst spezialisierten Galerie Sirupspace. Diese, so erfahren wir zu unserem grossen Bedauern, haben ihre Räumlichkeiten in der Enge aufgeben müssen.
Die Telefonkabine der Nordbrücke ist also nicht nur Kanais Showcase, sondern zugleich
ein Rastplatz der mobil gewordenen Galerie. Das ist eine schlechte Nachricht, doch die gute ist eben gerade diese temporäre Alternative: “A glimpse into the Ass of Infinity” ist ein weiterer, durch Witz und Präzision überzeugender Versuch Kanais (und Sirupspace’), Kunst in den öffentlichen Raum und an den Mann zu bringen.
Digital Brainstorming, General Stumm