Photography Exhibition

lot#1160

When _16.04 – 18.07.2008
Where _Coalmine Fotogalerie
Link _art tv coalmine kanai

Möglichkeitswelt Selfstorage
“Lot#1160“ lautete für einige Monate die Anschrift zu Anna Kanais Atelier, einem Storage-Raum, wie er unter
der Internet-Adresse “Swiss selfstorage.ch“ angeboten wird. Die Internet-Adresse prangt in riesigen Lettern
in Zürich-Nord ein einem mehrgeschossigen feuerroten Kasten, dessen verwinkelte Gängen zu unzähligen
fensterlosen Lagerräumen führen. X mal X Meter kleine Räume für alle, die gerade ihr hiesiges Leben ganz oder teilweise auf Eis legen, die es in seiner verdinglichten Form auslagern wollen oder müssen. Das Leben wird zusammengepackt zu einer Möglichkeit, die man irgendwann wieder Wirklichkeit werden lassen
will. Anna Kanai hat diesen für die heutige mobile Gesellschaft so typischen Möglichkeitsraum, diese spannungsvolle Kombination von Beharren und Aufbrechen, in inszenierte Fotografie verwandelt. Was in einem Storage-Raum lagert ist freigestellt von der Funktion, die er im Leben seines Besitzers erfüllte – an ihm entzündet sich Erinnerung und Hoffnung, Trauer und Traum. Dem Allgemeinen liegt meist das Besondere,
das Individuelle zugrunde, Kanai inszeniert eine persönliche Erfahrung: Sie wollte mit ihrer Familie dereinst wieder zurück nach Amerika, wo sie ihre Ausbildung absolviert hatte, wo sie mit ihren Kindern die entscheidenden ersten Jahre verbracht hatte, und dieser ihr amerikanischer Traum hatte sie über Jahre in Form eines Speicherraums weitergeträumt – und den Raum mit den Möbeln gab es auch dann noch, als die Rückkehrpläne, als die Familienbande sich längst aufgelöst hatten. Das Atelier mit der Anschrift “Lot//1160“ ist Anna Kanais künstlerische Antwort auf diese Erfahrung. Dabei hat Kanai aber nicht den Un-Ort dokumentiert, auch nicht die in den gelagerten Gegenständen schlummernden Geschichten, sondern viel mehr noch: die Träume und Sehnsüchte und die Leidenschaften nämlich, die in solchen Räumen komprimiert
sind, die “noch nicht erwachten Absichten Gottes“, wie Robert Musil das Mögliche einst definiert hatte.
Villö Huszai